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Der Professor und die Sekte

Peter Widmer
06.05.2007 - 06:07
DER SPIEGEL
Heft 19/2007
Seite 48

HISTORIKER

Der Professor und die Sekte

Der Direktor des Dresdner Hannah-Arendt-Instituts, Gerhard Besier, muss gehen.
Seine Mitarbeiter rebellieren, weil sich Besier für die Scientologen einsetzt.

Die Experten waren des Lobes voll. Gerhard Besier, Chef des Dresdner
Hannah-Arendt-Instituts für Totalitarismusforschung (HAIT), habe in seiner
Amtszeit nicht nur "die Kohäsion des Instituts" wiederhergestellt, sondern
dieses "mit beträchtlichem wissenschaftlichem Erfolg zu hoher Produktivität"
geführt. Einer Vertragsverlängerung, so der wissenschaftliche Beirat, stehe
nichts im Wege.

Wenig später war der Kirchenhistoriker abgesägt. Besier solle, verkündete das
sächsische Wissenschaftsministerium im April, künftig als Professor an der TU
Dresden seine erfolgreichen Forschungen weiterbetreiben. Einen solch exzellenten
Experten könne man im Lehrbetrieb immer gebrauchen. Das sei eine Regelung in
beiderseitigem Einvernehmen.

Inzwischen lichtet sich der Nebel an der Elbe, und von Einvernehmen kann keine
Rede sein. Denn es gab einen handfesten Grund für die vom Kuratorium betriebene
Ablösu
g: Besier hat offizielle Verbindungen zu amerikanischen Wissenschaftlern
geknüpft, die sich für die Scientology-Sekte einsetzen. Weil Sachsen den Beamten
Besier weiter als Professor beschäftigen muss, soll man darüber nicht reden.

Mehrere Wissenschaftler des Instituts hatten Kuratoriums-Chefin Friederike de
Haas am 14. März ein umfassendes Dossier zusammengestellt, um Besiers Nähe zu
den Scientologen zu belegen. Die Nachwuchshistoriker fürchteten um ihre
"Karrierechancen", wie sie wissen ließen, sollten sie der Organisation zu
nahekommen.

Direktor Besier war schon 2003 aufgefallen, als er die Sekte bei der Eröffnung
eines Scientology-Büros in Brüssel lobte ("Sie sind entschlossen. Sie halten
durch. Sie zeigen Mut."). Kaum hatte sich die Aufregung gelegt, erschienen in
einer Fachzeitschrift, die Besier mitherausgibt, mehrere Artikel, die so plump
die Gefährlichkeit der Sekte zu widerlegen suchten, dass sich der Verlag in
einem Vorwort distanzierte. Nicht viel besser kam der Band "Religionsfreiheit
und Konformismus" an, den Besier maßgeblich mitgestaltete. Darin wird die
angebliche religiöse Diskriminierung von Scientology in Deutschland beklagt.
Besier legt Wert darauf, dass er sich auch für andere umstrittene Gruppen, etwa
die Zeugen Jehovas, einsetzt.

Für den Sturz Besiers sorgte dann die offizielle Zusammenarbeit des HAIT mit dem
Amerikaner Derek Davis, Professor an der texanischen University of Mary
Hardin-Baylor. Davis und Besier kennen sich gut: Vier Bücher schrieben sie
zusammen. Als kürzlich ein Mitarbeiter des Dresdner Instituts seine
Englischkenntnisse auffrischen wollte, lag es für Besier nahe, ihn zu Davis nach
Texas zu schicken. Davis verfasste den Scientologen wohlgesinnte Schriften; die
Sekte hat ihm den Human Rights Leadership Award verliehen. Der Dresdner
Mitarbeiter weigerte sich zu reisen. Besier sagt heute, Davis habe dem Kollegen
nur eine günstige Wohnung beschaffen sollen. Und man dürfe einen amerikanischen
Wissenschaftler nicht nach deutschen Kriterien beurteilen. Da half es nichts,
dass sich Besier von Davis schriftlich versichern ließ, kein Mitglied der Sekte
zu sein, was Besier auch für sich selbst in Anspruch nimmt. Der Historiker ist
schon seit längerem angeschlagen, ganz unabhängig von Scientology.

Viele Mitarbeiter des Instituts kritisieren die von ihm betriebene
Neuausrichtung; Besier verlangt, nicht nur die Geschichte der Diktaturen in
Deutschland, sondern auch in Osteuropa zu erforschen. Und die CDU des Landes
will ihn loswerden, weil sich Besier gern mal in die Politik einmischt - und
dabei mehrfach auf Seiten der Unionsgegner stand.

Besier hält denn auch die Scientology-Vorwürfe für vorgeschoben, er sieht sich
als Opfer einer Intrige. Doch seinen Sturz verdankt er beiden Partnern der
Großen Koalition. Den Ausschlag für die Kuratoren gab Kulturstaatssekretär Knut
Nevermann (SPD). Der Hamburger berief sich auf Erkenntnisse aus seiner
Heimatstadt. 1999 war Davis der Arbeitsgruppe Scientology der Hamburger
Innenbehörde aufgefallen, weil er bei einer Werbeveranstaltung der Scientologen
in der Hansestadt als Redner auf dem Programm stand.

Das 1993 gegründete Institut steht nach dem Rauswurf wieder vor dem Kollaps. Zu
oft gab es negative Schlagzeilen, zu oft wechselte das Führungspersonal. Der
Gründungsdirektor starb kurz nach Amtsantritt, der Nachfolger musste gehen.
Besier, dessen wissenschaftliche Werke weithin anerkannt sind, sollte zur
Beruhigung beitragen - was bis zum Ausflug ins Brüsseler Scientology-Büro auch
gelang.

Um sein Auskommen muss Besier nicht bangen, denn der Direktor ist Professor an
der TU Dresden. Besonders leicht wird er es allerdings nicht haben; neun
Kollegen von der Philosophischen Fakultät haben sich bereits vertraulich an den
Rektor gewandt und gewarnt, dass Besiers "Werbung für die umstrittene
Scientology-Organisation" das Ansehen des "Instituts für Geschichte in Lehre wie
Forschung nachhaltig zu beschädigen" drohe.

Immerhin ist ein neuer Kandidat für den Direktorenposten im HAIT gefunden: der
Dresdner Politologe Werner Patzelt. Ob das Institut mit ihm in ruhigeres
Fahrwasser gerät, bleibt abzuwarten. Patzelt hatte Besiers Vorgänger, dem
Historiker Klaus-Dietmar Henke, vorgeworfen, dieser "verhalte sich wie Hitler" -
was ihm eine einstweilige Verfügung des Berliner Landgerichts einbrachte. KLAUS
WIEGREFE, STEFFEN WINTER

--
Peter Widmer <email@anonym;
3803 Beatenberg <http://www.pewid.ch>


06.05.2007 - 16:40

"Peter Widmer" <email@anonym; schrieb im Newsbeitrag
news:f1jk9i$5cm$email@anonym...
DER SPIEGEL
Heft 19/2007 Seite 48
HISTORIKER
Der Professor und die Sekte

Der Direktor des Dresdner Hannah-Arendt-Instituts, Gerhard Besier, muss
gehen. Seine Mitarbeiter rebellieren, weil sich Besier für die
Scientologen einsetzt.

Die Experten waren des Lobes voll. Gerhard Besier, Chef des Dresdner
Hannah-Arendt-Instituts für Totalitarismusforschung (HAIT), habe in seiner
Amtszeit nicht nur "die Kohäsion des Instituts" wiederhergestellt, sondern
dieses "mit beträchtlichem wissenschaftlichem Erfolg zu hoher
Produktivität" geführt. Einer Vertragsverlängerung, so der
wissenschaftliche Beirat, stehe nichts im Wege.

Wenig später war der Kirchenhistoriker abgesägt. Besier solle, verkündete
das sächsische Wissenschaftsministerium im April, künftig als Professor an
der TU Dresden seine erfolgreichen Forschungen weiterbetreiben. Einen
solch exzellenten Experten könne man im Lehrbetrieb immer gebrauchen. Das
sei eine Regelung in beiderseitigem Einvernehmen.

Inzwischen lichtet sich der Nebel an der Elbe, und von Einvernehmen kann
keine Rede sein. Denn es gab einen handfesten Grund für die vom Kuratorium
betriebene Ablösung: Besier hat offizielle Verbindungen zu amerikanischen
Wissenschaftlern geknüpft, die sich für die Scientology-Sekte einsetzen.
Weil Sachsen den Beamten Besier weiter als Professor beschäftigen muss,
soll man darüber nicht reden.

Mehrere Wissenschaftler des Instituts hatten Kuratoriums-Chefin Friederike
de Haas am 14. März ein umfassendes Dossier zusammengestellt, um Besiers
Nähe zu den Scientologen zu belegen. Die Nachwuchshistoriker fürchteten um
ihre "Karrierechancen", wie sie wissen ließen, sollten sie der
Organisation zu nahekommen.

Direktor Besier war schon 2003 aufgefallen, als er die Sekte bei der
Eröffnung eines Scientology-Büros in Brüssel lobte ("Sie sind
entschlossen. Sie halten durch. Sie zeigen Mut."). Kaum hatte sich die
Aufregung gelegt, erschienen in einer Fachzeitschrift, die Besier
mitherausgibt, mehrere Artikel, die so plump die Gefährlichkeit der Sekte
zu widerlegen suchten, dass sich der Verlag in einem Vorwort distanzierte.
Nicht viel besser kam der Band "Religionsfreiheit und Konformismus" an,
den Besier maßgeblich mitgestaltete. Darin wird die angebliche religiöse
Diskriminierung von Scientology in Deutschland beklagt. Besier legt Wert
darauf, dass er sich auch für andere umstrittene Gruppen, etwa die Zeugen
Jehovas, einsetzt.

Für den Sturz Besiers sorgte dann die offizielle Zusammenarbeit des HAIT
mit dem Amerikaner Derek Davis, Professor an der texanischen University of
Mary Hardin-Baylor. Davis und Besier kennen sich gut: Vier Bücher
schrieben sie zusammen. Als kürzlich ein Mitarbeiter des Dresdner
Instituts seine Englischkenntnisse auffrischen wollte, lag es für Besier
nahe, ihn zu Davis nach Texas zu schicken. Davis verfasste den
Scientologen wohlgesinnte Schriften; die Sekte hat ihm den Human Rights
Leadership Award verliehen. Der Dresdner Mitarbeiter weigerte sich zu
reisen. Besier sagt heute, Davis habe dem Kollegen nur eine günstige
Wohnung beschaffen sollen. Und man dürfe einen amerikanischen
Wissenschaftler nicht nach deutschen Kriterien beurteilen. Da half es
nichts, dass sich Besier von Davis schriftlich versichern ließ, kein
Mitglied der Sekte zu sein, was Besier auch für sich selbst in Anspruch
nimmt. Der Historiker ist schon seit längerem angeschlagen, ganz
unabhängig von Scientology.

Viele Mitarbeiter des Instituts kritisieren die von ihm betriebene
Neuausrichtung; Besier verlangt, nicht nur die Geschichte der Diktaturen
in Deutschland, sondern auch in Osteuropa zu erforschen. Und die CDU des
Landes will ihn loswerden, weil sich Besier gern mal in die Politik
einmischt - und dabei mehrfach auf Seiten der Unionsgegner stand.

Besier hält denn auch die Scientology-Vorwürfe für vorgeschoben, er sieht
sich als Opfer einer Intrige. Doch seinen Sturz verdankt er beiden
Partnern der Großen Koalition. Den Ausschlag für die Kuratoren gab
Kulturstaatssekretär Knut Nevermann (SPD). Der Hamburger berief sich auf
Erkenntnisse aus seiner Heimatstadt. 1999 war Davis der Arbeitsgruppe
Scientology der Hamburger Innenbehörde aufgefallen, weil er bei einer
Werbeveranstaltung der Scientologen in der Hansestadt als Redner auf dem
Programm stand.

Das 1993 gegründete Institut steht nach dem Rauswurf wieder vor dem
Kollaps. Zu oft gab es negative Schlagzeilen, zu oft wechselte das
Führungspersonal. Der Gründungsdirektor starb kurz nach Amtsantritt, der
Nachfolger musste gehen. Besier, dessen wissenschaftliche Werke weithin
anerkannt sind, sollte zur Beruhigung beitragen - was bis zum Ausflug ins
Brüsseler Scientology-Büro auch gelang.

Um sein Auskommen muss Besier nicht bangen, denn der Direktor ist
Professor an der TU Dresden. Besonders leicht wird er es allerdings nicht
haben; neun Kollegen von der Philosophischen Fakultät haben sich bereits
vertraulich an den Rektor gewandt und gewarnt, dass Besiers "Werbung für
die umstrittene Scientology-Organisation" das Ansehen des "Instituts für
Geschichte in Lehre wie Forschung nachhaltig zu beschädigen" drohe.

Immerhin ist ein neuer Kandidat für den Direktorenposten im HAIT gefunden:
der Dresdner Politologe Werner Patzelt. Ob das Institut mit ihm in
ruhigeres Fahrwasser gerät, bleibt abzuwarten. Patzelt hatte Besiers
Vorgänger, dem Historiker Klaus-Dietmar Henke, vorgeworfen, dieser
"verhalte sich wie Hitler" - was ihm eine einstweilige Verfügung des
Berliner Landgerichts einbrachte. KLAUS WIEGREFE, STEFFEN WINTER

Man sollte vielleicht das Thema nicht nur auf die Nähe/Unterstützung von
Scientology
beschränken.Besier sagte mir bis zum Beginn hier in der NG garnichts, weil
mich einfach Kirchengeschichte weniger interessierte.Beim danach
erfolgtenNachlesen , speziell hier im Net nicht nur von Kritikern der
Scientology war ich allerdings sehr überrascht was hier in Heidelberg an
"Kirchengeschichte" losgelassen wurde, auch gegenüber Sekten die ich selber
ablehne wie Mitgliedern der Z.J. u.a. Einrichtungen.Es stört nicht nur der
Inhalt sondern auch die Art und Weise der Darstellung.Möglicherweise auch
Profs in der Uni Dresden,ich selber halte diesen Wissenschaftler einfach
für unerträglich.
Klaus






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